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Zum Workshop "Lebenswerk"

"Lebenswerk" mit Dorothea Murri und Jitka Jost im Internat Gsteigwiler:

Wie der Name sagt, geht es in dieser Arbeit, sich seines Lebens bewusst zu werden, dieses bewusst zu gestalten und sich ebenso der Vergänglichkeit bewusst zu werden. Das Leben ist nicht einfach zum Überleben da, man kann es als Lebenswerk gestalten.

Die Endlichkeit des Lebens soll nicht nur theoretisch und auf einer nicht sehr inspirierten Ebene, wie es der Volksmund leichtfertig formuliert, erlebt, sondern man soll sich der Tragweite der Gestaltungsmöglichkeiten, der eigenen Wünsche, Fähigkeiten und der unendlichen Kreativität, bewusstwerden.

Wie oft habe ich nun das Wort „bewusst“ erwähnt – gemeint ist…ja, bewusst, oder „gewusst wie…!“

Wie sonst soll ein Jugendlicher, welcher von zu Hause aus nicht die Bedingungen angetroffen hat, wie andere, die in Watte gepackt durch Zeit der Kindheit, in die Pubertät und dann ins Erwachsenenleben getragen wurden, denn wissen, wie man das Leben wünscht und nach eigenen Vorstellungen gestalten kann?

Jugendliche, welche bereits im Kindesalter oder in jungen Jahren mit Problemen und Schmerzen konfrontiert wurden, welche sie selten selbst verursacht haben, leben nicht wirklich bewusst, sie haben sich leider allzu oft die Überlebenskunst zur Strategie gemacht.

Sie überleben, indem sie rebellieren oder aushalten, explodieren oder implodieren. Diese Jugendlichen sind so weit vom gewünschten und erfüllten Leben entfernt, dass ihnen Wünsche und Glück wie entfernte Galaxien vorkommen. Auf das Überleben reduzierter Alltag wird weder inspiriert noch bewusst wahrgenommen, sie lassen sich treiben, sie überleben.

Mehr als alle anderen brauchen diese jungen Menschen Hilfe und Unterstützung. Aber bitte nicht so, wie die „erste Welt“ früher Entwicklungshilfe betrieben hat, sondern Hilfe zur Selbsterkenntnis, Selbstwahrnehmung und Hilfe zum Staunen, dass sich das Leben auch für sie in Farbe und Glück zeigen kann. Sie brauchen Hilfe zum Erfühlen der eigenen Wünsche, zum Erkennen, dass das Leben eine Wahl hat.

Diesen Jugendlichen käme es in Millionen von Jahren nicht in den Sinn, welche Möglichkeiten in ihnen stecken, welches Potential in ihnen schlummert und welche Kräfte sie mobilisieren können, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen – oder kurz gesagt:

Sie sind darauf angewiesen, dass andere ihnen ihren eigenen Wert vor Augen führen und sie lehren, dass auch für sie die Sonne scheinen kann – und dies gelingt nur durch Erleben und Wachrütteln!

 

…darum das Lebenswerk, welches Dorothea Murri von Prof. Dr. Maurice Baumann übernommen und weiterentwickelt hat und mit meiner Unterstützung zum Feinschliff und Anpassung für Jugendliche unserer Privatschule in der erlebten Form im Christlichen Internat Gsteigwiler durchgeführt hat.

 

 

Konkrete Erlebnisse „meiner“ Schüler:

  • Die Jugendlichen haben mit Staunen und tiefer Freude erleben dürfen, dass sie jemand in Grindelwald besucht, nur um mit IHNEN zu arbeiten, weil sie es WERT sind, dass jemand wie Frau Murri sich die Zeit für SIE nimmt!
     

  • Da sie durch mich mit Bewusstseinsarbeit etwas Übung hatten, wurden sie durch Frau M. darin bestärkt und erweiterten damit ihren Erlebnishorizont.
     

  • An ihrer hingebungsvollen Bastelei ihrer auf Karton gefertigten „Lebenssäule“ setzten sich die SchülerInnen zum ersten Mal in ihrem jungen Leben mit konkreten Wünschen und Träumen auseinander – und damit, dass diese ERNST GENOMMEN UND SICH ERFÜLLEN KÖNNTEN.
    (Was für ein Erlebnis auch für mich, sie bei dieser ernsten Tätigkeit so liebevoll und hingebungsvoll, so konzentriert und vertieft mit ihrem eigenen Selbst und ihrem Leben sich auseinandersetzend, zu beobachten.)

     

  • Wie kreativ, humorvoll, einfühlsam und altersgerecht ging Frau Murri mit der Vergänglichkeit um, als sie die Jugendlichen plötzlich in ihrer Arbeit unterbrach und die einzelnen SchülerInnen „ins Paradies“ schickte.
     

  • Wie berührend war es zu erleben, wie sie sich der Möglichkeit des plötzlichen Todes, welchen sie teilweise selbst in ihren Familien auf tragische Art erleben mussten und nun während des Lebenswerkes dank der liebevollen, humorvollen und empathischen Art und Weise, wie es  Frau Murri präsentierte, nochmals stellten.
     

  • Im Paradies waren allesamt verzaubert, weil sie es sich nicht vorstellen konnten, dass auch SIE auf Händen getragen werden könnten.
     

  • Wie berührend war es zu sehen, mit welcher Intensität und Ernsthaftigkeit sie sich mit der Möglichkeit auseinandersetzten, dass auch ihr Leben abrupt enden könnte – wie wahr und echt sie ihre Gefühle zeigten, teilten und wie sie es sich gestatteten, die Freude und Liebe aller sie umgebenden MitschülerInnen und Erwachsenen in sich hineinfliessen zu lassen.
     

  • Und wie wertvoll, einzigartig und unbezahlbar die Erkenntnis, dass sie für ihre Umwelt, für uns Erwachsene sowie für ihre Freunde im Leben wichtig sind, willkommen und gebraucht werden.

Das Lebenswerk, welches ich mit Dorothea erleben durfte, hat unsere Klasse, die Gruppe als Miteinander und jeden Einzelnen zutiefst und nachhaltig berührt und verändert.

Von nun an wollen sie mehr vom Leben als bloss Überleben!

 

Jitka Jost, Lehrerin im Internat Gsteigwiler

Mai 2021